Der inszenierte Hunger
Was macht eine Hilfsorganisation, wenn es nicht genug Hunger für alle gibt? Sie erfindet eine Hungerkatastrophe.Aus den Medien wissen wir, dass in Äthiopien
in den nächsten Monaten eine Hungerkatastrophe
droht, die noch schlimmer werden soll als die
von 1984. Wissen wir wirklich?
Die Wochenzeitschrift DIE ZEIT berichtet in ihrer
Ausgabe Nr. 17 über die Suche nach der Katastrophe.
Das sieht dann so aus: Im Büro der UN-Welthungerhilfe
in der Hauptstadt Addis Abeba liegen Hochglanzprospekte
bereit, die detailliert das Ausmaß der angekündigten
Katastrophe beschreiben - und gleich noch den
genauen Bedarf an Hilfslieferungen nennen.
In den "betroffenen" Regionen finden
die Reporter kräftige Kühe an gefüllten
Wasserstellen, und eine Hilfsbürokratie,
die gerade den Bedürftigen am wenigsten hilft.
Doch ja, in begrenzten Gebieten gibt es Trockenheit,
das spricht sich herum, und da fahren dann alle
Reportageteams hin.
Die wenigen von Trockenheit betroffenen Bauern
erhalten Hilfe in Form von manipuliertem, nicht
keimfähigen Getreide, überwiegend aus
den USA und Kanada. Wenn es aufgegessen ist, sind
sie von der nächsten Hilfslieferung abhängig.
Saatgut hat sich die äthiopische Regierung
gesichert und verkauft es an die Bauern - auf
Kredit. Und die erhalten dann einen so genannten
Hybridsamen, der nur für eine Saison gute
Erträge liefert. Dann muß neues Saatgut
gekauft werden.
Engagierte Helfer vor Ort beschweren sich, sie
könnten in der Region Getreide zu einem wesentlich
niedrigeren Preis kaufen als die Hilfslieferungen
kosten. Dieses Getreide wäre an die Region
angepasst und als Saatgut geeignet.
Das is nur ein kleiner Ausschnitt aus einem skandalösen
Szenario, in dem viele von der Hilfsbürokratie
profitieren: die Mitarbeiter der Organisationen,
die äthiopische Regierung, das Militär,
amerikanische Bauern - nur nicht die wirklich
Not leidenden Menschen. Aufschlußreich ist
auch die Beschreibung der geostrategischen Interessen.
So gilt Äthiopien vielen als christlicher
"Frontstaat" in einer muslimischen Umgebung.
Fazit: Wer sich nur auf die Integrität von
Regierungen und Hilfsorganisationen verlässt,
braucht einen festen, realitätsunabhängigen
Glauben an das Gute. Selbst die Kontrolle der
freien Medien funktioniert nur bedingt. Wie so
oft gilt auch hier: Wer zahlt bestimmt. Wer spenden
will, kann sich selbst überlegen, wem er
sein Geld gibt.
(25.04.03, hk)
