Nachdrücklich fordern sie, den
UN-Inspektoren ausreichend Zeit für
ihre Arbeit zu lassen. Die Ziele, die besonders
von den USA zur Begründung eines Krieges
gegen den Irak angeführt würden,
seien nicht akzeptabel, heißt es in der
Erklärung. Die leitenden Kirchenvertreter
rufen die Regierung des Irak dazu auf, alle
Massenvernichtungswaffen zu zerstören
und in jeder Hinsicht mit den UN-Inspektoren
zusammen zu arbeiten.Die Erklärung
im Wortlaut:
Verantwortliche der Kirchen vereint gegen
einen Krieg im Irak
1. Als Verantwortliche aus Kirchen in Europa,
in Beratung mit den Kirchenräten in
den USA und dem Nahen Osten, sind wir äußerst
besorgt über die nicht nachlassenden
Forderungen der USA und einiger europäischer
Regierungen nach militärischen Aktionen
gegen den Irak. Als Menschen des Glaubens
drängt uns die Liebe zu unseren Nächsten
dazu, gegen Krieg Widerstand zu leisten
und friedliche Konfliktlösungen zu
suchen. Als Kirchen beten wir für
Frieden und Freiheit, Gerechtigkeit und
Sicherheit für die Menschen im Irak
und im Nahen Osten insgesamt. Solches Beten
verpflichtet uns, Werkzeuge des Friedens
zu sein.
2. Wir bedauern, dass die mächtigsten
Nationen dieser Welt Krieg wieder als ein
akzeptables Mittel der Außenpolitik betrachten.
Dies schafft ein internationales Klima der
Furcht, Bedrohung und Unsicherheit.
3. Wir können die Ziele, die von diesen
Regierungen, insbesondere den USA, zur Begründung
eines Krieges gegen den Irak angeführt
werden, nicht akzeptieren. Ein präventiver
kriegerischer Angriff als Mittel, um die
Regierung eines souveränen Staates
auszuwechseln, ist unmoralisch und stellt
eine Verletzung der UN-Charta dar. Wir appellieren
an den Sicherheitsrat, an den Grundsätzen
der UN-Charta festzuhalten, die die legitime
Anwendung militärischer Gewalt eng
begrenzen, und zu vermeiden, dass ein negativer
Präzedenzfall geschaffen wird, der
die Hemmschwelle erniedrigt, gewaltsame
Mittel zur Lösung internationaler Konflikte
einzusetzen.
4. Wir glauben, dass militärische Gewalt
ein ungeeignetes Mittel ist, um die Abrüstung
irakischer Massenvernichtungswaffen zu erreichen.
Wir bestehen darauf, dass für die sorgfältig
geplanten Maßnahmen der UN-Waffeninspektionen
genügend Zeit eingeräumt wird,
um die Arbeit zu Ende führen zu können.
5. Alle Mitgliedsstaaten der UNO müssen
sich an bindende UN-Resolutionen halten
und Konflikte durch friedliche Mittel lösen.
Der Irak kann keine Ausnahme sein. Wir rufen
die Regierung des Irak dazu auf, alle Massenvernichtungswaffen
zu zerstören und damit verbundene Forschung
und Produktionsstätten aufzugeben.
Der Irak muss in jeder Hinsicht mit den
UN-Inspektoren zusammenarbeiten und allen
seinen Bürgern die volle Anerkennung
der bürgerlichen und politischen,
wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen
Menschenrechte garantieren. Den Menschen
im Irak muss die Hoffnung gegeben werden,
dass es Alternativen sowohl zu Diktatur
als zu Krieg gibt.
6. Ein Krieg hätte unannehmbare Folgen
für die Situation der Menschen, u.a.
die Entwurzelung von grossen Teilen der
Bevölkerung, den Zusammenbruch staatlicher
Funktionen, die Gefahr von Bürgerkrieg
und Destabilisierung der ganzen Region.
Das Leiden irakischer Kinder und der unnötige
Tod hunderttausender Iraker während
der letzten zwölf Jahre der Sanktionen
lasten schwer auf unseren Herzen. In der
gegenwärtigen Situation bekräftigen
wir mit Nachdruck das seit langem geltende
humanitäre Prinzip, bedingungslosen
Zugang zu Menschen in Not zu gewähren.
7. Außerdem warnen wir vor den möglichen
sozialen, kulturellen und religiösen,
aber auch diplomatischen Langzeitfolgen
eines solchen Krieges. Weiteres öl
in das Feuer der Gewalt zu gießen, das die
Region bereits auffrisst, wird den Hass
nur noch weiter anfachen, indem extremistische
Ideologien gestärkt und weitere globale
Instabilität und Unsicherheit genährt
werden. Als Verantwortliche aus Kirchen
in Europa haben wir eine moralische und
pastorale Verpflichtung, Fremdenhass in
unseren Ländern entgegenzutreten und
den Menschen in der muslimischen Welt die
Furcht zu nehmen, die sogenannte westliche
Christenheit stelle sich gegen ihre Kultur,
Religion und Werte. Wir müssen die
Zusammenarbeit für Frieden, Gerechtigkeit
und Menschenwürde suchen.
8. Alle Regierungen, insbesondere die Mitglieder
des Sicherheitsrates haben die Verantwortung,
diese Frage in ihrer ganzen Komplexität
zu bedenken. Es sind noch nicht alle friedlichen
und diplomatischen Mittel ausgeschöpft
worden, um den Irak zu zwingen, den Resolutionen
des UN Sicherheitsrates zu folgen.
9. Es ist für uns eine geistliche
Verpflichtung, die sich auf Gottes Liebe
zur ganzen Menschheit gründet, uns
gegen den Krieg im Irak zu stellen. Mit
dieser Botschaft senden wir ein starkes
Zeichen der Solidarität und Unterstützung
an die Kirchen im Irak, im Nahen Osten und
in den USA. Wir beten, dass Gott die Verantwortlichen
leiten möge, Entscheidungen zu treffen,
die auf der Basis sorgfältiger ‹berlegung,
moralischer Prinzipien und hoher rechtlicher
Standards beruhen. Wir laden alle Kirchen
ein, sich uns in diesem Zeugnis anzuschließen,
für eine friedliche Lösung dieses
Konflikts zu beten und alle Menschen zu
ermutigen, sich am Ringen um eine solche
Lösung zu beteiligen.
Quelle: www.ekd-newsletter.de
(05.02.2003) |