Kriegsende 1945 in Rabber

Rudolf Schoster beschreibt, wie er das Kriegsende 1945 in Rabber erlebt hat.

Im März 1945 wurden viele andere und ich des Jahrgangs 1931 in einer Feierstunde im Saale Schomburg, Rabber, in die Hitlerjugend übernommen. Wöchentliche Treffen waren verpflichtend. Treffpunkt war ein großer Raum im kreiseigenen Gebäude, in dem nach dem Kriege die Gemeinschaftskühlräume und Gemeinschaftswaschanlage untergebracht waren. Dort wurden Marschlieder gesungen und geübt im Gleischritt zu maschieren.

Am 25.09.1944 hatte die deutsche Regierung ein Gesetz über die Bildung des „Deutschen Volkssturms“ erlassen, der dem jeweiligen Gauleiter als „Territorialmiliz“ unterstand. Es beinhaltete, dass alle nicht zur Wehrmacht eingezogenen 16 bis 60jährigen zum Dienst verpflichtet wurden und militärische Aufgaben zu übernehmen hatten. Die 16jährigen wurden zum großen Teil als Flakhelfer eingesetzt. Als sie alle eingesetzt waren, griff man selbst auf die 15jährigen und im Frühjahr 1945 auf uns, die 14jährigen zurück. An einem der Treffen sind wir singend zum „Fähren Holz“ in Rabber marschiert. Dort wurde uns die Handhabung einer Panzerfaust vorgeführt, und jeder mußte die nicht scharfe panzerbrechende Waffe auf ein Ziel richten.

Danach hieß es, wir würden zum Hümmling gebracht, um dort Schützengräben anzulegen und Panzersperren zu errichten. Unsere Eltern wurden bei dem Ortsgruppenleiter vorstellig und erklärten, daß sie sich weigerten, uns 14jährige für Schanzarbeiten einsetzen zu lassen. Sie hatten Erfolg und unser Leben ging seinen gewohnten Gang. Dienstag- und Donnerstagnachmittag je 1,5 Stunden Konfirmandenunterricht als Vorbereitung auf die Konfirmation.

Es wurde jetzt, in den letzten Wochen vor dem Termin überwiegend wiederholt und aufgefrischt, was in zwei Jahren gelernt worden war. Jeder hatte ein Heft, in das die Aufgaben für die nächste Unterrichtsstunde eingetragen wurden, damit keiner sich damit herausreden konnte, er habe von dem Pensum nichts gewußt. Die Teilnahme an jedem Gottesdienst war selbstverständlich, ganz gleich, ob er um 9:00 Uhr oder 11:00 Uhr begann. Der Spätgottesdienst endete etwa 12:30 Uhr. Im Anschluß folgte die Christenlehre mit einer Dauer von ca. 1 Stunde. Daran nahmen teil die Konfirmanden und die im Vorjahr Konfirmierten. Als erstes trug jeder von ihnen seinen Konfirmationsspruch vor und anschließend wurden Teile des Kleinen Katechismus aufgesagt oder Liederverse vorgetragen. Der Konfirmationsschein wurde nicht am Konfirmationstag ausgehändigt, sondern erst ein Jahr später, wenn der Konfirmierte sich regelmäßig an der Christenlehre beteiligt hatte.

Schon bald stand der Prüfungstermin am Palmsonntag bevor. Und es wurde gepaukt, um sich nicht vor der Gemeinde zu blamieren. Der Gottesdienst wurde schon früh am Morgen wegen des zu erwartenden Fliegeralarms in der Barkhauser Kirche durchgeführt. Sie war bis auf den letzten Platz besetzt und wir waren froh, als wir alles gut überstanden hatten. Durch Abhören von Nachrichten und des Flugabwehrsenders „Primadonna“ wußten unsere Eltern, daß die deutsche Westfront zusammengebrochen war, und die britische Armee, ohne daß sich ihr großer Widerstand entgegenstellte, bald bei uns einmarschieren würde.

Wie es schon seit Generationen üblich gewesen war, sollte auch unsere Konfirmation am Sonntag nach Ostern stattfinden. Nach Rücksprache unserer Eltern mit Pastor Kasten wurde der Termin wegen der schnell vorrückenden Briten auf Ostermontag, den 2. April 1945, vorgezogen. Festlich gekleidet fanden wir uns schon früh am Morgen zum Festgottesdienst in der Marienkirche Rabber ein.

Aufgeregt waren wir, denn wir durften zum ersten Mal am Abendmahl teilnehmen. Und die Kirche war trotz des zu erwartenden täglichen Fliegeralarms und der Bedrohung durch feindliche Tiefflieger voll besetzt. Ein feierlicher Gottesdienst, der unvergessen bleibt. Er konnte entgegen allen Befürchtungen ohne Unterbrechung abgehalten werden. Wäre Alarm gegeben worden, hätte die Kirche sofort geräumt werden müssen. Verwandte aus entfernten Orten konnten nicht kommen, zumal kaum noch Personenzüge verkehrten. Privatautos gab es nicht mehr. Wir feierten im Familienkreise. Über kleine Geschenke und viele Glückwunschkarten freute ich mich riesig. Alle Gespräche, die geführt wurden, befaßten sich mit der Frage, was wohl die nächsten Tage bringen würden. Es stellte sich heraus, daß es richtig gewesen war, den Konfirmationtermin vorzuziehen.

Am Morgen nach der Konfirmation wurden in allen Brockhauser Häusern mit großen Dielen auf dem Rückmarsch befindliche Soldaten einquartiert, um ihnen eine kurze Ruhepause zu gönnen. Ihr Auftrag bestand darin, zusammen mit anderen eine Abwehrfront an der Weser zu errichten. Doch schon mittags erhielten sie Befehl zum Abmarsch. Danach traf ein dreiköpfiges Sprengkommando der Wehrmacht bei uns ein. Alle Kanalbrücken, so erklärten sie, seien zur Sprengung vorgesehen. Jürgenvathauers, Gerdwilkers und unser Vater mußten für sie im Rampenbereich nördlich der Brücke Deckungslöcher ausheben, während sie Sprengsätze am Brückenbogen und unten in der Mitte anbrachten und mit Zündschnüren versahen. Unsere Nachbarn und mein Vater hatten als Soldaten am 1.Weltkrieg teilgenommen.

Als sie die große Anzahl Dynamidstangen sahen, die angebracht wurden, kam ihnen zum Bewußtsein, daß die Brücke total zerstört würde. Sie erklärten den Soldaten, daß unsere Äcker jenseits des Kanals lägen und wir, um dorthin zu gelangen, auf sie angewiesen wären. Durch Verhandlungen wollten sie erreichen, daß ein Teil des Sprengstoffs vernichtet würde. Daraufhin zog der Vorgesetzte seine Pistole und sagte: „Verschwinden sie, sonst mache ich von meiner Waffe Gebrauch. Befehl ist Befehl. Gehen Sie in ihre Häuser, öffnen sie alle Türen und Fenster, sonst werden sie bei der gewaltigen Explosion zerstört.“ Alle Überredungskunst war vergeblich gewesen. Die Nacht verlief ruhig. Am Mittwochmorgen ziehen nochmals deutsche Soldaten durch Brockhausen mit Geschützen mehreren Kalibers. Doch ihre ziehenden Fahrzeuge hatten jenseits des Wiehengebirges bei Schledehausen keinen Sprit mehr. Alles war verbraucht. Nachschub gab es keinen mehr. So requirierten sie Pferde der Bauern, um weiterzukommen. Rechtzeitig vor der Sprengung zogen sie über die Brücke Richtung Bruch. Doch in den Feldwegen kamen sie mit ihrem schweren Gerät nur langsam voran, und saßen dort in der Falle.

Ein Stoßkeil der britischen Armee zog über die B65, ein zweiter von Bohmte Richtung Levern. Die Pferde spannten sie aus und diese fingen in den angrenzenden Wiesen an zu grasen. Die Soldaten sprengten die Geschütze, ließen alles stehen und liegen und verschwanden. Als sie durchgezogen waren, erfolgte in einiger Entfernung eine Detonation. Wir liefen nach draußen und vernahmen ein unheimliches Dröhnen, Rattern und Knattern, das sich langsam näherte. Es war, als wenn die Luft vibrierte. Dann war das Rattern ganz nahe. Mein Bruder und ich kletterten in unseren großen Kirschbaum. Und dann sahen wir die ersten Panzer, die in Richtung Rabber rollten und es kamen immer mehr und mehr, es nahm kein Ende. Tagelang blieb das so.

Wegen der in Kürze zu erwartenden Brückensprengung mußten wir ins Haus. Auf der Diele hatten sich alle versammelt. Und plötzlich erzitterte unser ganzes Haus in allen Fugen. Scheiben klirrten und der Staub, der sich seit 1864 auf den Hauptbalken angesammelt hatte, rieselte auf uns hernieder. Die Brücke gab es nicht mehr. Das sahen wir, als wir nach draußen gingen. Sie lag in der Mitte eingeknickt im Wasser. Das war total sinnlos. Die Briten kümmerten sich überhaupt nicht um Brockhausen. Ihr Ziel war Richtung Osten, und das, so schnell es ging. In Rabber, so hörten wir, wurde auf zwei fliehende deutsche Soldaten geschossen, sie starben. In Hördinghausen schossen die Panzer, aus welchen Gründen auch immer, zwei Häuser in Brand. Brockhausen blieb verschont. Der Krieg war für uns vorbei.

Am Sonntag nach Ostern, dem 08.04.1945 sahen wir die ersten britischen Soldaten, als wir zum Gottesdienst gingen. Und die Kirche war voll wie nie zuvor. Und das blieb noch lange so.
R. Schoster