Die ersten Posaunen
Auf dem Volksliederabend am 14. September 2001 berichtet Pastor Zühlke vom mühsamen Anfang und ersten Versuchen auf den Instrumenten.
Liebes Geburtstagskind, liebe Geburtstagsgäste,
Ich habe euch für das Fest heute eine Geschichte mitgebracht - märchenhaft
schön, aber hört doch selbst:
Es war einmal vor langer, langer Zeit im Wittlager Land. Es mag wohl 150 Jahre
her sein. Damals war keine gute Zeit. Viele Menschen waren arm. Politisch ging
es drunter und drüber. Und die Menschen sehnten sich nach etwas, das sie
aufbauen und ermutigen konnte.
Nicht selten waren viele in dieser Zeit zu Fuß oder mit Pferd und Wagen unterwegs,
um z.B. Gottesdienste in der Ferne zu besuchen. Bei so einer Gelegenheit im
Ravensbergischen, haben einige von hier einen Posaunenchor gehört. Das
muss die Leute tief beeindruckt und bewegt haben. Denn die Bläser dort
hatten nicht nur eine gute Stimmung in der Chorgemeinschaft, sondern auch eine
vorzügliche Intonation. Alle sind immer pünktlich zur Probe erschienen,
aber sie waren eigentlich nie nach der Probe wieder pünktlich zu Hause.
Und weil sie viel und ausgiebig probten, klang ihre Musik schön wie Engelsmusik,
so sagten sie damals. Das ist es; das brauchen wir bei uns zu Hause auch.
Da wurde nun nicht lange gefackelt, sondern Taten folgten. Ein Verein wurde
gegründet und Instrumente sollten gekauft werden. Reisegeübt, wie
sie waren, ging es gleich in die große Stadt nach Osnabrück. Die "Höffertsche
Handlung" hatte alles was sie brauchten: Sechs Instrumente wurden dort eingekauft:
2 Trompeten, 1 Klapphorn, 1 Tenorzugposaune und 2 Basszugposaunen.
Schon auf dem Weg nach Hause kribbelte es in den Fingern. Sie konnten es nicht
abwarten, machten eine Pause, packten die Instrumente aus und erwarteten solche
Engelsmusik, wie sie sie im Ravensbergischen gehört hatten. - Aber, was
war das? Engelsmusik? Schauerlich klang es. Alle Sechs hätten besser Chorleiter
und nicht Bläser werden sollen. Ein schrilles Tongetöse; nicht mit
anzuhören. Sie hatten wohl gedacht, dass so sündhaft teure Instrumente
von alleine spielen würden. - Nur gut, dass den Lärm sonst keiner
mitbekommen hatte. Und niemand weiß, wie viele Waldbewohner sich erst nach
einem Jahr wieder in dieselbe Gegend trauten.
Noch bevor alles richtig begonnen hatte, waren die ersten Probleme da. Wie
das Spielen lernen? Bei den ersten Proben zeigte sich sofort, dass die Noten
das größte Problem waren. Jeder Choral schien aus so schnellen Noten zu
bestehen, dass der Chor einfach immer zu spät war. Viele Noten wurden
als so kurz empfunden, dass man meinte, es lohne sich kaum, die Instrumente überhaupt
auszupacken. Solche Noten wären besser als Pausen notiert worden. Andere
Noten waren so hoch, dass den Bassposaunen schon beim Hinsehen schwindelig
wurde und die Trompeter bekamen schon vor dem Spiel einen roten Kopf.
Es half alles nichts; sie mussten sich helfen lassen und fanden ziemlich bald
in Heithöfen einen Lehrer. Bereits am 24. Mai 1851, bei einer Haushebung
in Brockhausen erklang der erste Choral: "Bis hierher hat mich Gott gebracht." Dieser
Choraltext muss ihnen aus dem Herzen gesprochen haben. Endlich. Der erste Choral.
So weit hatten sie Gott und ihr fleißiges Üben gebracht.
Und mit ihrem Selbstbewusstsein stieg auch die Lautstärke an. So soll
es vorgekommen sein, dass jemand eine Frau buchstäblich vom Stuhl geblasen
hat. Schon 1853 machten sie zu Fuß weite Reisen zu Missionsfesten, um mit anderen
Chören zusammen "engelsgleich" zu spielen. Gern trafen sie sich immer
wieder einmal mit anderen Chören. Das war ihnen so wichtig, dass ein mehrstündiger
Fußmarsch sie nicht abhalten konnte. Auch Gelächter und Spott, den sie
manchmal für ihre christlichen Lieder ernteten, konnten ihre Begeisterung
für die Sache nicht schmälern.
Sie wollten spielen zu Gottes Lob, zur eigenen Freude und zur Freude ihrer
Zuhörer. Und das gelang ihnen zunehmend. Der Chor hatte damals schon 12
Mitglieder. Sie verfeinerten ihre Kunst so weit, dass sie nach ihrem Spiel
bei einer Diamantenen Hochzeit auf dem Gut Ahrenshorst vom Gutsherrn 1,50 Mk.
bekamen; sie nahmen das Geld, auch wenn sie eigentlich nicht für Geld
spielen wollten.
So ging das 30 Jahre lang, bis die kirchengeschichtliche Entwicklung dazu führte,
dass sechs Chormitglieder austraten und nun zwei Chöre am Ort von vorn
begannen - aber das wollen wir jetzt nicht weiter vertiefen.
Wie hatte ich vorhin begonnen? "Es war einmal vor langer, langer Zeit im Wittlager
Land." Enden möchte darum so: "Und weil sie nicht gestorben sind,
spielen sie noch heute." Also seit 150 Jahren; die einen hüben, die andern
drüben. Schön zu erleben, dass nach 30 Jahren gemeinsamer Geschichte
und trotz der damaligen Trennung, heute eine freundschaftliche Nachbarschaft
besteht und hüben und drüben immer wieder einmal gemeinsame Sache
machen. Schön ist es, wenn wir gemeinsam musizieren. Solche Gemeinsamkeit
tut gut und sie möge sich weiter entwickeln, zum Wohl unserer Chöre
und unserer Gemeinden hier im Dorf.
Dem Jubilar einen herzlichen Glückwunsch, Gottes Segen und weiterhin viel
Freude bei Bläserinnen und Bläsern, für die Zuhörer - und
das alles zum Lobe Gottes.
Im Namen der Dreieinigkeitsgemeinde (SELK)
Burckhard Zühlke, Pfarrer
(Beim Volksliederabend am 14.09.2001)