Predigt zur Hubertusmesse

Monika Stallmann
am 21. Oktober 2001 in der Marienkirche Rabber

Liebe Gemeinde!
Die Jäger unter uns kennen die Hubertuslegende, für uns andere wollen wir sie noch einmal erzählen. Da wird berichtet, dass ein gewisser Hubert einem Hirschen nachstellt. Und als er ihn gestellt hat ­ erscheint ihm im Geweih des Hirschen ein Kruzifix, also Christus am Kreuz. Und dieser wilde Hubert, wie er beschrieben wird, wandelt sich auf der Stelle zum Heiligen St. Hubertus. Und er lässt das Jagen von Stund an.

In manchen Legenden geschieht das, nachdem seine Frau früh verstorben ist, und er in seiner Trauer und Wut ganz zügellos geworden ist. In anderen Fassungen hat sich das ganze an einem Karfreitag abgespielt, und seine Frau hat ihn vergeblich gebeten, an diesem Tag doch bitte nicht zu jagen. Diese Version hat mir besonders gut gefallen. Passt das doch zu unserem kirchlichen Bemühen um den Sonntag, um das dritte Gebot "Du sollst den Feiertag heiligen" und auch zu unserem Bemühen um das Kirchenjahr.

Alles hat seine Zeit.
Am 31. Oktober beginnt unsere Bischöfin Frau Dr. Käßmann die Aktion "Advent ist im Dezember". Dieser Gedanke "Alles hat seine Zeit" ist Ihnen als Jägerinnen und Jäger ja in keiner Weise fremd. Da gibt es die Jagdsaison. Da gibt es feste Zeiten, wann welches Wild bejagt werden darf und wann Schonzeit ist. In diesem Sinn benötigen wir Menschen ebenfalls Schonzeiten, Ruhezeiten, in denen wir zur Ruhe, zu uns selbst kommen können, Zeit, in der wir Kraft schöpfen, uns besinnen können. Doch dies ist ja ­ bei aller Wichtigkeit ­ eher ein Nebengedanke der Hubertuslegende. Eindrücklich ist, dass dieser wilde Hubert aus der Begegnung mit Christus in dem Hirschen verwandelt, verändert hervorgeht. Und er jagd nicht mehr!

Liebe Jägerinnen und Jäger!
Er lässt -meiner Ansicht nach- aber die Jagd nicht deswegen, weil sie nicht zusammenzubringen ist mit einem Leben, dass sich an Gott orientiert. St. Hubertus jagt hinfort nicht mehr, weil dafür in seinem gänzlich veränderten Leben als Heiliger kein Platz mehr ist, weil andere Dinge wichtiger sind, weil sich seine Prioritäten verschoben haben. Und das ist ja das Besondere an Heiligen, dass sie den Wirklichkeiten des Lebens enthoben sind, mit anderem beschäftigt.

Nun sind wir keine Heilige, wir suchen inmitten unseres Lebens in dieser Welt nach Orientierung. Unser Ort der Bewährung ist unser Leben zwischen Schöpfung und Kultur, Bebauen und Bewahren, Benutzen und Zerstören. Und: "Totaler Jagdverzicht in der Nachfolge eines heiligen Hubertus wäre aus Sicht unserer Wälder und aus Sicht unseres Wildes unter den gegebenen Umständen kein segensreicher Weg." Er wäre vielmehr der Beginn einer naiven und verantwortungslosen Vernachlässigung.

Liebe Gemeinde,
Hubertus verändert sich. Die Legende ist eine Geschichte der Umkehr. Die Legende von einem Menschen, der ehemals alles auf die Knie zwang, was um ihn herum war , und der nun selbst auf die Knie fällt.

Mir wäre es nun zu wenig, hinter diesem Ereignis einen Kniefall vor der Natur zu sehen, Gott in seiner Schöpfung irgendwie symbolisch zu erkennen. Für mich kniet St. Hubertus vor Jesus Christus. Der tritt dem zügellosen Menschen entgegen, der sich einen Teufel um den Karfreitag oder um seine Verantwortung schert, und ruft auf zur Umkehr.

Hubert ist persönlich angesprochen. Alles, was verkehrt, ver-rückt ist, alles was nicht dem Leben dient, wird ihm bewusst­ und er erkennt sich in seinem Treiben. Er lässt sich ansprechen anrühren und verändert sich.

Wenn wir eine Hubertusmesse feiern, dann romantisieren wir nicht diese Legende, lassen uns nicht von Hörnerklang, Kerzenschein und Atmosphäre anrühren, verneigen uns nicht einfach vor guter alter Tradition. (Übrigens feiern wir das hier heute zum 1. Mal in der Gemeinde)

Die Hubertuslegende ist kein Kitsch, sondern eine ganz aktuelle Anfrage an uns:

Sind wir bereit mit Gott Antworten auf die Fragen unseres Lebens zu suchen? Sind wir bereit, die Massstäbe unseres Handelns mit Gott zu suchen? Wenn Jägerinnen und Jäger diese Frage ernst nehmen, dann kommen sie zu stehen zwischen dem Auftrag der Schöpfung und dem 5. Gebot.

"Und Gott sprach: Seid fruchtbar und werdet zahlreich und füllt die Erde und nehmt sie in Anspruch und nehmt in eure Obhut die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und alles Getier, das sich auf der Erde regt."

Es geht darum, die Jagd als eine Form der Obhut auszuüben. Den Gegnern der Jagd gilt es begreiflich zu machen, dass es eine unberührte Schöpfung nicht gibt. Das hatte ein Ende, sobald der Mensch im Paradies sich die erste Frucht nahm. Auch in der Natur ist ja nicht alles einfach nur lieb und schön. Auch dort gibt es Sterben und Vergehen, Fressen und Gefressen werden, Jagen und gejagt werden. Die heile Welt von Förster Rombach in Falkenau ist Illusion.

Natürlich gilt es den Einsatz von Menschen um Bewahrung der Schöpfung zu begrüssen und ernst zu nehmen. Wir alle könnten hier noch viel mehr tun. Aber den Jägern an diesem Punkt den Schwarzen Peter zuzuschieben kann nicht richtig sein. Abgesehen einmal von Auswüchsen und schwarzen Schafen, wie es sie überall gibt.

Und überhaupt denke ich mir, haben sie, die sie sich viel mehr in der Natur aufhalten als die meisten anderen von uns, die sie viel wissen von den Tieren in ihrer Umgebung, einen ganz eigenen Zugang zur Natur. Sie treffen die Tiere doch viel mehr mit Augen und Ohren als mit Schrot und Blei. Sie schauen und beobachten doch viel mehr als dass sie schiessen. Sie sorgen doch durch verschiedene Massnahmen, wie das Anlegen von Hecken, für einen Ausgleich. Sie bemühen sich z. B. bei den Ferienspielen um Verständnis und Aufklärung bei den Jüngsten.

Das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten".
Dieses Gebot wird immer wieder gegen die Jagd ins Feld geführt. Doch, wenn ich die 10 Gebote richtig verstehe, wenden sie sich gegen ein Handeln, dass gegen die Gemeinschaft gerichtet ist. Das 5.Gebot verbietet das Morden, das gemeinschaftswidrige Töten.

Wenn Jäger sich also in ihrer Verantwortung vor Gott und seiner Schöpfung verstehen, dann kommt es für sie darauf an, dass die Jagd sich vom Mord, vom Niedermetzeln, vom heimtückischen, selbstsüchtigen Töten unterscheidet. Also etwa der Jagd nach Robbenbabys, der wertvollen Felle wegen. Oder mancher Jagd im Ausland, wo es mehr auf die Kaufkraft und auf die Zahlungsfähigkeit ankommt.Als Insider kennen sie sich da noch viel besser aus. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann trifft der Begriff der Waidgerechtigkeit genau diesen Unterschied zwischen schöpfungsbezogener Jagd und mörderischer Zerstörung. Da hat dann aber auch der Spass und die Freude, das Jägerlatein, der Jägermeister, die Jagdtrophäe und die Gemeinschaft der Jägerinnen und Jäger ihren Platz.

Doch wenn die Welt und die Umwelt sich verändern, dann muss sich unter Umständen auch die Jagd verändern. Gewohnheitsrecht und Tradition allein reichen nicht. Die Hubertuslegende kann uns dabei hilfreich sein. Sie stellt uns in unserem Handeln in die Verantwortung vor Gott. Albert Schweitzer hat gesagt: "Du bist Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das leben will."

Lassen Sie uns von Christus fragen, nach unseren Werten und Massstäben. Lassen Sie uns von Christus fragen nach unserem Platz in unserer Welt. Fragen nach SEINEN Spuren oder Fährten in unserem Leben, fragen nach SEINEN Wegen für uns ­ immer wieder von neuem. Und lassen Sie uns da umdenken, wo es nötig ist. AMEN

 

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